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Brexit Kater

Als Kind der späten 80er bin ich mit dem Gedanken aufgewachsen, dass Grenzen nur eine Möglichkeit haben:  zu fallen. Grenzen werden eingerissen, überschritten – zumindest hinterfragt. Aber es ist vermutlich falsch hier überhaupt von „Gedanken“ zu sprechen. Genau die habe ich mir nämlich nicht gemacht. Die EU und die Freiheiten, die sie mir und meiner  Generation von klein auf bot und immer noch bietet, waren reine Selbstverständlichkeiten. Wochenendausflug nach Tschechien? Erasmussemester in Schweden? Urlaub in Italien? Freunde in Finnland? Eine Beziehung quer durch Europa? Alles selbstverständlich, alles ohne einen Gedanken an Grenzen zu verschwenden – zumindest nicht an staatliche. Kein Einzelfall, sondern Realität für die allermeisten von uns. Der Flug nach Helsinki ist genauso Alltag wie eine Zugfahrt nach München; teure Lebensmittelpreise und unzuverlässige Züge das vielleicht größte Problem beim Verlassen der Komfortzone Deutschland um ein paar hunderte Kilometer nach Süden, Osten, Westen oder Norden.

Und dann bin ich nach England gezogen. Einfach so. Weil ich es kann. Als wäre es Hamburg, München oder Köln. Zumindest fast. Wenn meine Eltern mich fragten, ob ich mir das genau überlegt hätte, dann zuckte ich mit den Schultern. Ist doch EU, was soll schon passieren?! Und ja, ich profitierte bei meinem recht blauäugigen Umzug mit nur einem Koffer und ohne Job von diversen europäischen Regelungen. Von Rechten, die man als EU-Bürger ganz selbstverständlich  besitzt – oftmals ohne es wirklich zu wissen. Mein Arbeitslosengeld aus Deutschland konnte ich mir in Großbritannien mit nur einer Unterschrift ausbezahlen lassen (das war mir vorher auch nicht klar), meine europäischen Krankenkarte machte eine Auslandskrankenversicherung überflüssig, mein Perso reichte auch im nicht zum Schengenraum zählenden Großbritannien für alle Behördengänge, Verträge und Co.  Und als ich innerhalb weniger Wochen – viel leichter als je zuvor in Deutschland – einen Job fand, da war das Unterschreiben des Arbeitsvertrages genauso aufregend und zugleich unspektakulär wie  in Berlin.

Und dennoch: Die Stimmung im Vereinigten Königreich war schon damals – 2014 – eine andere. Während ich zum Frühstück, Mittag-, Abendessen und dazwischen BBC Radio 4 in Dauerschleife laufen ließ (ich hatte ja Zeit, wollte mehr über dieses anders tickende Land wissen und außerdem sprechen sie bei der BBC so wahnsinnig schönes Englisch), bekam ich ein erstes, diffuses Gefühl für die gar nicht so feinen Unterschiede. Mehr als diffus erkennbar war zumindest sofort,  dass viele Briten einen ungewohnten Blick auf die EU haben – einen fremden, distanzierten. Warum auch sonst sollte man vom „Continent“ sprechen, als wäre es allerfernstes Ausland und nicht nur eine Flugstunde entfernt. Ich hatte natürlich über diese Eigenart, diese Haltung gelesen. Aber nun dort zu leben, machte es so wahnsinnig real.  Mich überraschte, ja schockierte die Schärfe der Diskussionen, die ich nun auf Radio 4 stundenlang an mir vorbeiziehen ließ. Mit Pegida, AfD und Co. haben Inhalte und  Tonalität zeitverzögert nun auch in Deutschland Einzug gehalten, die hier schon längst zum Alltag gehörten. Das Ausmaß an Dingen, die als aussprechbar, sagbar, denkbar galten, überraschte mich.  Konnte, ja durfte man überhaupt so reden?

Ich begann zum ersten Mal wirklich zu begreifen, dass bei weitem nicht alle Freiheiten erhalten wollen, die ebenso zu meinem Leben gehören, wie die Gewissheit der Tagesschau um Acht. Dass es mehr als nur ein paar nationalkonservative Spinner sind, die das Projekt EU nicht nur für gescheitert halten, sondern es gleich ganz abschaffen wollten – für mich, für uns alle gleich mit. Dass Grenzenlosigkeit auch innerhalb Europas schon längst keine Selbstvertsändlichkeit mehr ist. Man mag das naiv nennen. Naiv angesichts einer Festung Europa, angesichts von Strömen verzweifelter Menschen, die an den Grenzen eines so wohlhabenden Gebildes wie der EU  tagtäglich abgewiesen  werden. Es stand  schon lange  fest, dass mein Bild von Europa nur ein Zerrrbild war.  Der Brexit ist nun Ausdruck dessen, was längst begonnen hat, ohne dass ich es wahr haben wollte: das Zurückbauen von Zäunen, von Mauern und Freiheiten.

Und es ist ziemlich schade, dass wir alle nun mit dem Gedanken erwachsen werden müssen, dass Grenzen nicht nur die Möglichkeit haben zu fallen. Sie können auch verdammt schnell neu errichtet werden.

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