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Und alles ändert sich… selbst der Lidl am Innsbrucker Platz

Dass Berlin eine Stadt ist, die nie still steht, in der sich alles ständig verändert, kann man ja überall hören und lesen. Das ist nun wirklich nichts neues mehr. Solange man aber dort lebt, scheinen die Veränderungen nur gradueller Natur zu sein – zumindest kam mir das meist so vor. Ja, die Mieten steigen. Ja, der ein oder andere vertraute Laden schließt seine Türen oder ändert Namen, Besitzer oder die Getränkekarte. Und ja, der Wedding ist tatsächlich ein wenig hipper geworden in den letzten vier Jahren.

Wenn man die Stadt aber tatsächlich für eine längere Zeit verlässt und die unzähligen Meldungen über Berlin nicht mehr jeden Morgen im Radio verfolgt, die kleinen Veränderungen nicht mehr täglich in den Straßen beobachten kann, dann scheinen diese auf einmal so viel größer, greifbarer und wirklich alle auf einmal zu kommen. Und wahrscheinlich tun sie das ja auch.

Völlig überrascht stand ich jedenfalls kürzlich an einem Sonntag vor den geschlossenen Türen des Lidls am Innsbrucker Platz. Nun ist der Supermarkt, der bis vor kurzem als einer der wenigen in Berlin auch am Sonntag geöffnet hatte, kein besonders liebenswerter Ort, um dessen Ladenöffnungszeiten man lange trauern sollte. Aber irgendwie stellte er eben gerade wegen dieser unüblichen Öffnungszeiten eine gewisse, ziemlich praktische Institution dar, die noch dazu eine Menge über Berlin verriet. Das fand übrigens auch Radio Eins: 2011 widmete der Sender dem stets überfüllten, abgewetzten Markt, in dem sich sonntags  um die letzte Gurke und die einzige noch übrig gebliebene Schachtel Eier freilaufender Hühner gestritten wurde, einen eigenen kleinen Bericht unter dem Motto “ Berlin auf die harte Tour“. Wie passend. Leider kann man den Beitrag jedoch ebenso wenig noch online finden, wie nun am Sonntag Gurken im Lidl am Innsbrucker Platz.

So traurig ich dies auch finde: einen geschlossenen Supermarkt kann man gerade noch so verkraften. Gemüse gibt es schließlich auch im Edeka an der Friedrichstraße. Was ein wenig schwerer zu verdauen sein dürfte, ist die Tatsache, dass meine liebste Lesebühne, die mich vor vier Jahren kurzfristig zum Lesebühnen-Junkie mutieren ließ, in wenigen Monaten ebenfalls ihre Türen schließen wird bzw. das Mikrofon ausschaltet. Die Chausee der Enthusiasten zog erst vom so hübsch ruppigen RAW Gelände in den deutlich polierteren Frannz Club um – und nun ist ganz Schluss. Glücklicherweise war ich vor wenigen Wochen noch einmal dort, ohne zu wissen, dass es vermutlich das letzte Mal war. Nun gibt es wirklich viele gute, vielleicht sogar bessere Lesebühnen in Berlin. Aber diese eine war eben ein wenig besonders, weil… nunja.

Selbiges gilt auch für den Magnet: der erste Berliner Club, den ich je betreten habe. Der Club, in dem ich mein erstes Berliner Konzert erlebt habe –  übrigens etwas später auch das beste – und aus dessen Alterszielgruppe  ich zugegebenermaßen schon seit einiger Zeit herausgefallen sein dürfte. Mein letzter Magnetabend ist dann auch schon eine ganze Weile her. Traurig, dass es ihn nun nicht mehr gibt, bin ich trotzdem ein wenig. Ich hänge eben an Orten und den sie begleitenden Geschichten –  oder in diesem Fall vielleicht treffender: an Erinnerungsfetzen.

Schon alleine deshalb bin ich auch nicht gerade begeistert, dass die Neue Heimat, die es ja gar nicht so lange gab und die daher nur ein kleiner Bestandteil meiner Berliner Heimatgefühle werden konnte, schließen musste, mein neuerer Stammsupermarkt bald zumacht – ja ich mag Supermärkte wirklich sehr – und Freunde nicht mehr in denselben Wohnungen leben,  wo ich sie in meinem Kopf nunmal immer noch vermute.

Berlin verändert sich ständig, nicht immer unbedingt zum Besseren (und schließende Supermärkte sind wohl noch das geringste Übel). Ich wünschte es könnte einfach ein bisschen damit aufhören – für mich, solange ich weg bin.

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