11739707_1031710043519469_550653965_n

„Und woher genau?“

„Und wo kommst du her?“ – Diese Frage haben wohl die allermeisten schon mehr als einmal gehört. In Zeiten des Studienbeginns, bei Erasmusaufenthalten und neubegonnenen Praktika gewinnt sie beinahe inflationären Charakter und ist offenbar der einzig wahre Einstieg in jedes noch so belanglose Gespräch. Im besten Fall muss man nicht lange über die jeweilige Antwort nachdenken. Man sagt dann wie aus der Pistole geschossen „Hamburg“, „Rom“ oder „Dorfhausen hinterm Berg“. Im allerbesten Fall fühlt sich die gegebene Antwort auch noch richtig und gut an, das Gegenüber antwortet enthusiastisch: „Ach ja, cool. Da war ich letztens auch erst. Voll schön da.“

Was aber, wenn man bei der Frage nach dem „Und wo bist du so her?“ erstmal zögert, nicht richtig weiß, was denn jetzt die korrekte (akzeptable) Antwort ist und vor allem was man eigentlich wirklich sagen möchte? Mir zumindest bereitet diese Frage zunehmend leichtes Unbehagen. Wo komme ich denn genau her? Und ist das nun wirklich die vielbeschworene Heimat? Komme ich aus der Stadt, in der ich zur Welt gekommen bin und die in meinem Ausweis eindeutig als Geburtsort genannt wird –  natürlich auch auf meiner Diplomurkunde in der so wunderbar in Stein gemeißelten Form „Frau XY aus YZ“ – in der ich aber nie gewohnt habe und von der ich selten mehr mitbekomme als den (hässlichen) ICE-Bahnhof? Ist es der Ort, in dem ich die ersten 20 Jahre meines Lebens verbracht, Abitur gemacht, laufen gelernt und letztendlich doch noch meinen Führerschein bestanden habe? Das erscheint schon logischer und wird zumindest innerhalb Deutschlands ohne großartiges Nachfragen akzeptiert. So ganz kann ich den Dialekt der Gegend ja auch nicht abstreifen – trotz jahrelanger intensiver Bemühungen „Kirche“ nicht länger wie „Kürche“ auszusprechen (bislang unerfolgreich) und immer „nich‘ mehr“ statt „nimmer“ zu sagen (ziemlich erfolgreich).

11655510_1031710556852751_1131323933_n

Und trotzdem: diese Antwort mag die gesellschaftlich akzeptierte, die im eigentlichen Sinne korrekte sein. Doch jedesmal wenn ich sie sage, habe ich das Gefühl mir ein wenig die Zunge zu verbrennen und füge schnell  ein „aber“ hinzu. Wenn ich an Heimat denke, dann habe ich selten diesen Ort vor Augen den ich meist vier Mal im Jahr für zwei Tage besuche und der oft so viel weiter entfernt scheint als er in Wahrheit wohl ist. Wenn ich Heimweh habe, dann vermisse ich Menschen. Und ich vermisse Berlin. Wenn ich mich danach sehne einen Ort zu haben, der einfach bleibt und an den ich stets zurückkehren kann, dann denke ich immer und immer an Berlin. Ich kann mich nicht erinnern jemals Heimweh nach der Stadt verspürt zu haben, in der ich schreiben und schwimmen gelernt habe und in der noch mein altes Fahrrad steht. Ich vermisse meine Eltern. Und ich freue mich jedes Jahr um Weihnachten herum alte Freunde wieder zu sehen. Aber die Straßen, Häuser und Bäume in dieser Stadt bedeuten mir wenig, ja eigentlich nichts. Um ehrlich zu sein, bin ich froh, ihnen doch noch entkommen zu sein. Dennoch: jedes Mal wenn ich  Biersorten sehen, die aus diesem Ort, dieser Heimat stammen, freue ich mich  (umso weiter ich weg bin, umso mehr). Aber Herkommen, Aufwachsen, Heimat? Ist das denn tatsächlich das selbe? Kann man das Mädchen wirklich aus dem Dorf nehmen aber das Dorf niemals aus dem Mädchen? Und wenn „Home is where your heart is“, ist Wahlheimat, dann nicht eigentlich die viel wahrere Heimat?

 

11737191_1032217950135345_2107931610_n

Manchmal wenn mich Leute nun nach dem schon so bekannten „Wo kommst du so her?“ fragen,  dann antworte ich „Berlin“ – oder einfach „Deutschland“, was aber nur funktioniert, wenn man sich gerade nicht dort befindet und meistens trotzdem zu „Und von wo dort?“ führt. „Berlin“ einfach weil es sich so viel besser anfühlt und weil, ja weil…. Im nächsten Moment komme ich mir dann aber doch meistens ein bisschen wie ein  Hochstapler vor. Und füge schuldbewusst noch ein „aber“ hinzu.

Vielleicht wäre es eine Lösung auf die Frage nach dem „woher“ auch einfach immer mit dem gesamten Lebenslauf inklusive aller kurz- und längerfristigen Wohnorte zu antworten? Vielleicht kommen wir ja auch ein wenig aus jedem Ort, der uns einmal etwas bedeutet hat, uns erwachsen oder einfach nur älter werden ließ? Heimat als Flickenteppich ist zumindest ein Konzept mit dem ich mich viel besser anfreunden kann als mit der Frage nach dem „woher“, die doch so viel dazwischen einfach aus- und unerzählt lässt.

2 Gedanken zu “„Und woher genau?“

  1. Was für ein schöner Text über so ein großes Wort! Ich hab für mich die Antwort immer noch nicht ganz raus – wenn man oft umgezogen ist, macht es das auch nicht gerade einfacher. „Zuhause ist, wo man den Lichtschalter im Dunklen trifft“ halte ich für einen ersten, guten Anfang.

    1. Das mit dem Lichtschalter finde ich auch sehr treffend. Am wichtigsten ist wohl einfach, dass man einen Ort hat, an dem man sich einigermaßen geborgen fühlt. Und dann ist ja auch egal, wie man diesen Ort nun nennt.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>