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Von Wohnungen und (zu) deutschen Ansprüchen

Der Berliner Wohnungsmarkt ist sicher nicht mehr das, was er einmal war. Laut der im Mai 2015 präsentierten Jahresbilanz des Verbandes Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen liegt der Anteil leerstehender Wohnungen mit derzeit 1,9 Prozent auf dem tiefsten Stand seit 20 Jahren. Das macht die Wohnungs- und WG-Suche bestimmt nicht gerade leichter – von stetig steigenden Mieten einmal ganz zu schweigen.

Dennoch: in Berlin kann man sich auch mit relativ bescheidenem Budget noch immer relativ hohe Ansprüche an die eigene Wohnung bzw. die WG erlauben  (oder denkt das zumindest solange bis man sich tatsächlich auf Wohnungssuche befindet). Altbau sollte es sein, am besten nicht im Erdgeschoss oder im fünften Stock, mit hohen Decken und vielleicht ein bisschen Stuck. Am wichtigsten ist aber natürlich der Bezirk. Oder hat schon mal jemand verzweifelt nach einer Wohnung in Marzahn, Hellersdorf oder Spandau gesucht? Innerhalb des Rings muss sie liegen. Oder zumindest nicht allzu weit davon entfernt.

Eigentlich kann mir das alles ja beinahe egal sein. Immerhin suche ich momentan weder eine Wohnung noch ein WG-Zimmer im Wedding, in Steglitz oder Friedrichshain. Und unsere Wohnung in Leeds ist super. Sie hat (naturgemäß) keine hohen Decken und keinen Stuck (und natürlich auch keinen U-Bahnanschluss in der Nähe). Aber sie liegt in einem wirklich netten, jungen (meiner Meinung nach im besten) Stadtteil von Leeds. Es gibt ein ganz kleines, altes, gutes Kino um die Ecke und zahlreiche Takeaway-Läden, Pubs und was man sonst noch so zum Leben braucht. Auch ein großer Park mit vielen Eichhörnchen, ist nicht weit entfernt und die Bushaltestelle liegt direkt vor der Haustür. Viel besser hätten wir es wohl gar nicht treffen können.

Aber: ich merke doch immer wieder, wie sehr mich der Berliner (vielleicht auch der deutsche) Wohnungsmarkt und das Leben in einer Altbauwohnung mit hohen Decken, 5 Minuten Fußweg entfernt von der Ringbahn, der S1, S2, S25, der U8 und zwei Tramlinien vermutlich für alle anderen Wohnungsmärkte verdorben hat. Zumindest schocken mich die englischen Mietpreise nach wie vor. Und hier rede ich nicht von London, wo es wohl unmöglich ist überhaupt eine Wohnung zu finden, die die Größe eines Schuhkarton überschreitet. Auch die Tatsache, dass man für viel Geld dann eben doch kein fancy Parkett sondern Teppich bekommt, finde ich etwas gewöhnungsbedürftig (Teppich ist aber definitiv besser als sein Ruf und eigentlich ganz schön gemütlich). Weil die Fenster meist nicht besonders gut isoliert sind, wird es im Winter zudem sehr schnell sehr kalt oder die Heizkosten werden sehr schnell sehr hoch. Das erinnert dann doch wieder an den Berliner Altbau.

Manchmal fragen mich Freunde auch nach der Quadratmeteranzahl meines neuen Zuhauses und sind erstaunt, wenn ich die Frage nicht im entferntesten beantworten kann. Dies ist aber ausnahmsweise weniger meiner Vergesslickeit geschuldet als der Tatsache, dass Quadratmeterangaben in England weder in Mietverträgen noch in Wohnungsanzeigen üblich sind. Vielmehr ist hier meist die Rede von der Anzahl der Betten. Ein Bett ist dann meist einem Schlafzimmer gleichzusetzen, das Wohnzimmer wird in der Regel als separater Raum gezählt. Eine „three bedroom flat“ dürfte demzufolge einer Vierzimmerwohnung nach deutschem Verständnis entsprechen (wobei die Zimmer in England wohl meist deutlich kleiner ausfallen). Das ist aber eine Angabe ohne Gewähr, so ganz habe ich das System nämlich noch nicht wirklich durchschaut.

Verstanden habe ich aber, dass ich wohl schleunigst aufhören sollte mit Berliner Maßstäben Wohnungen in England zu beurteilen. Davon abgesehen, dass Leute hier viel früher daran denken eigene Häuser zu kaufen als ich das so gewohnt bin und klassische Wohnungen wohl gar nicht so üblich sind.  Das selbe gilt offenbar für den Stellenwert von „Bezirken“ bzw. Gegenden. Meine Ecke mag hübsch und beliebt bei Studenten sein. Ein Statussymbol wie in Berlin ist sie sicher nicht. Und das ist dann zur Abwechslung auch mal echt entspannend. Oder anders gesagt: Stadtteildropping macht  in Leeds nicht cooler.

 

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